Machtkampf der Islamisten

Salafisten gegen Muslimbruderschaft: Saudi-Arabien und Katar bringen ihr Fußvolk in Stellung.

Der Umsturz in Ägypten wurde von Saudi-Arabien begrüßt und von Katar kritisiert. Während Katar die Muslimbrüder unterstützt, hofiert Saudi-Arabien die Salafisten, die Gegnerschaft dieser beiden grundverschiedenen islamistischen Bewegungen könnte nicht nur Katar und Saudi-Arabien zu Gegnern machen, er könnte langfristig sogar den schiitisch-sunnitischen Gegensatz in der arabischen Welt ablösen.

Als der Schiiten-Aufstand 2011 im sunnitisch regierten Königreich Bahrain blutig niedergeschlagen wurde, zogen Saudi-Arabien und das Emirat Katar noch an einem Strang und schickten Truppen des Golfrates, um den Aufstand, einer der ersten des Arabischen Frühlings, niederzuschlagen. Immerhin teilen beide Monarchien den strengen islamischen Wahhabismus als Staatsdoktrin, wenn er auch in Katar weniger rigoros ausgelegt wird als in Saudi-Arabien. Spätestens seit den erfolgreichen Umstürzen in Tunesien und Ägypten, die beide die Muslimbruderschaft an die Macht brachten, die von Katar hofiert werden, vertreten Saudi-Arabien und Katar jedoch gegensätzliche Allianzen und setzen auf sich bekämpfende Partner in den jeweiligen Aufstandsländern. Katar und der dortige Fernsehsender Al-Dschasira unterstützen die ägyptische Muslimbruderschaft und deren geistliches Oberhaupt Scheich Yussuf al Karatawi, der in Katar im Exil lebt. Das weltliche Oberhaupt der Muslimbruderschaft ist der Tierarzt Muhammad Badie, der sich „Oberster Führer“ nennt.
Saudi-Arabien ist die republikanische Gesinnung der Bruderschaft ein Graus, diese ist im Königreich sogar verboten. Man unterstützt dagegen die Salafisten, die nicht republikanisch ausgerichtet sind, sondern allerorten, wo sie an Macht gewinnen, Emirate, monarchieartige Gebilde gründen und theologisch eine noch radikalere und rückständigere Islaminterpretation betreiben als die Muslimbrüder. Die Gegnerschaft beider Islamistenbewegungen geht so weit, dass die Salafisten sogar den Sturz Muhammed Mursis durch weltliche Kräfte wie das Militär unterstützten, obwohl sie eigentlich die radikale religiöse Gesinnung mit den Muslimbrüdern verbinden müsste.
Doha und Riad unterstützen ihre Günstlinge in vielerlei Hinsicht. Da sind in erster Linie die Geldhilfen. Katar soll in Ägypten unter Mursi acht Milliarden US-Dollar investiert haben. Der katarische Fernsehkanal Al-Dschasira leistete der Regierung von Mursi Informationsbeistand. Es ist nicht verwunderlich, dass die Al-Dschasira-Sendungen nach dem Sturz von Mursi in Ägypten verboten wurden, in dem Büro des Fernsehkanals Haussuchungen durchgeführt und fünf Mitarbeiter verhaftet wurden. Nach dem Sturz des Muslimbruders Mursi gehörten Saudi-Arabien und die Golfemirate mit Ausnahme Katars zu den ersten, die Finanzhilfen an die neuen Herrscher Ägyptens versprachen.
Katar unterstützt die Muslimbrüder und ähnliche Organisationen nicht nur in Ägypten, sondern auch in anderen Ländern, zum Beispiel Ennahda in Tunesien oder die Hamas im Gaza-Streifen. Zum ersten Mal wurde die Gegnerschaft zwischen Katar und Saudi-Arabien bereits im Libyenkrieg offenbar, als Katar als einziges Land der Arabischen Liga die Nato-Intervention offen auch mit Bodentruppen unterstützte, denen es schließlich gelang, das Hauptquartier Ghaddafis in Tripolis zu stürmen. Beide Länder buhlen heute um das vakante Erbe Ghaddafis in Westafrika und in Libyen selbst, wo es vor allem um Wirtschaftsprojekte und damit um Einfluss auch auf die Politik geht. Die Monarchien konkurrieren auch in den Maghreb-Staaten, dem Libanon, Jemen und Palästina. In Äthiopien stellte Saudi-Arabien eine ganze Reihe von großen Investitionsprojekten ein, nachdem die Salafisten dort einen großen Verlust erlitten hatten. Dafür stieg Katar ein.
Experten glauben, dass der Sturz von Mursi in Ägypten auch ein starker Schlag gegen die Positionen Katars ist. Das könnte Auswirkungen nicht nur auf Ägypten, sondern auch auf alle anderen Länder des „arabischen Frühlings“ haben. Er könnte die Gegner der Muslimbrüder und ihrer katarischen Gönner ermutigen, auch in anderen Ländern zum Angriff überzugehen. Die beiden Golf-Monarchien nehmen auch am Bürgerkrieg in Syrien besonders aktiv teil, wo die Muslimbruderschaft und die dschihadistischen Salafisten die stärksten Gruppen der Opposition gegen das Assad-Regime bilden. Während die Muslimbrüder in Syrien über die Vizepräsidentin Najah Al-Attar noch über Kontakte zum Regime verfügen und als Syrer eine Verhandlungslösung nicht grundsätzlich ablehnen, sehen die verschiedenen ausländischen salafistischen Kräfte in Syrien lediglich ein Exerzierfeld des Heiligen Krieges. Diese Gruppen wurden durch den Umsturz in Ägypten gestärkt. Der Umsturz in Ägypten hat so gesehen die Chancen auf eine Verhandlungslösung in Syrien geschmälert und wird die Zerstrittenheit der syrischen Opposition weiter anheizen.

(Bodo Bost, PAZ)

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